Medikamentöse Schmerztherapie: das WHO-Stufenschema verständlich erklärt
Welche Schmerzmittel es gibt, wie das WHO-Stufenschema aufgebaut ist und welche Risiken die einzelnen Wirkstoffgruppen mit sich bringen – ein sachlicher Überblick, der die ärztliche Beratung nicht ersetzt.

Die medikamentöse Schmerztherapie ist der Teil der Schmerzbehandlung, der mit Arzneimitteln arbeitet. Damit die richtige Substanz zur Schmerzstärke passt, orientieren sich Ärztinnen und Ärzte häufig am WHO-Stufenschema – einem gestuften Leitfaden der Weltgesundheitsorganisation. Dieser Beitrag erklärt, wie das Schema aufgebaut ist, welche Wirkstoffgruppen es gibt und worauf es bei ihren Risiken ankommt. Er dient der Information und ersetzt nicht das Gespräch mit einer Ärztin oder einem Arzt.
Was medikamentöse Schmerztherapie bedeutet
Unter medikamentöser Schmerztherapie versteht man die gezielte Behandlung von Schmerzen mit Arzneimitteln. Sie ist ein wichtiger, aber nicht der einzige Baustein: Bei länger bestehenden Schmerzen empfehlen Leitlinien eine multimodale, auch nicht-medikamentöse Schmerztherapie, die Medikamente mit Bewegung, Physiotherapie und psychologischen Verfahren verbindet. Einen breiteren Blick auf alle Ansätze bietet unser Überblick über die Verfahren der Schmerztherapie.
Das Ziel ist selten völlige Schmerzfreiheit, sondern eine spürbare Linderung, die Alltag, Schlaf und Beweglichkeit verbessert. Welches Medikament in welcher Menge sinnvoll ist, hängt von der Schmerzart, den Begleiterkrankungen und der individuellen Verträglichkeit ab – und wird ärztlich festgelegt.
Das WHO-Stufenschema im Überblick
Die Weltgesundheitsorganisation hat ein dreistufiges Schema entwickelt, das ursprünglich für Tumorschmerzen gedacht war und heute als grober Orientierungsrahmen auch bei anderen Schmerzen dient. Die Grundidee: Man beginnt möglichst mit der Stufe, die zur Schmerzstärke passt, und steigert bei Bedarf schrittweise. Reicht die Wirkung einer Stufe nicht aus, kann zur nächsten übergegangen oder kombiniert werden.
Wichtig ist: Das Stufenschema ist ein Leitfaden für Fachpersonal, keine Anleitung zur Selbstbehandlung. Moderne Leitlinien wenden es nicht mehr streng nacheinander an, sondern richten die Auswahl am Schmerzmechanismus und an der Gesamtsituation aus. Welche Substanz, welche Dosis und welche Kombination für einen Menschen richtig sind, entscheidet immer die behandelnde Praxis.
Die Wirkstoffgruppen und ihre Risiken
Die folgende Tabelle fasst die Gruppen des Stufenschemas mit typischen Beispielen und den wichtigsten Risiken zusammen. Die Wirkstoffe werden neutral eingeordnet – ohne Dosierungen, denn diese gehören ausschließlich in die Packungsbeilage und in die ärztliche Verordnung.
| Wirkstoffgruppe | Beispiele | Wichtige Risiken |
|---|---|---|
| Stufe 1 – Nicht-Opioide (NSAR) | Ibuprofen, Diclofenac | Magen-Darm-Beschwerden bis zu Blutungen, Belastung der Nieren, Herz-Kreislauf-Risiken – besonders bei längerer oder hoher Einnahme |
| Stufe 1 – Nicht-Opioide (weitere) | Paracetamol, Metamizol | Paracetamol: Belastung der Leber, enge Höchstdosis; Metamizol: seltene, aber ernste Blutbildveränderungen |
| Stufe 2 – schwache Opioide | Tramadol, Tilidin | Übelkeit, Benommenheit, Verstopfung; Abhängigkeitspotenzial; Vorsicht bei Kombination mit anderen dämpfenden Mitteln |
| Stufe 3 – starke Opioide | Morphin, Oxycodon, Fentanyl | Verstopfung, Atemdepression, Abhängigkeit; nicht abrupt absetzen; engmaschige ärztliche Begleitung nötig |
| Koanalgetika | bestimmte Antidepressiva, Antikonvulsiva | je nach Substanz Müdigkeit, Schwindel, Kreislauf- oder Stoffwechselwirkungen; regelmäßige Kontrollen sinnvoll |
Auch frei verkäufliche Schmerzmittel der Stufe 1 haben Nebenwirkungen. Wer sie länger als wenige Tage oder regelmäßig benötigt, sollte die Ursache ärztlich abklären lassen, statt die Dosis eigenständig zu erhöhen.
Koanalgetika bei Nervenschmerzen
Nicht jeder Schmerz spricht auf klassische Schmerzmittel an. Bei Nervenschmerzen (neuropathischem Schmerz) – etwa nach einer Gürtelrose oder bei einer Nervenschädigung – helfen oft Substanzen besser, die ursprünglich für andere Erkrankungen entwickelt wurden. Diese sogenannten Koanalgetika umfassen vor allem bestimmte Antidepressiva und Antikonvulsiva (Mittel gegen Krampfanfälle).
Laut Leitlinien gehören sie bei Nervenschmerzen häufig zu den ersten Optionen. Weil sie auf viele Körpersysteme wirken, sind sie besonders auf ärztliche Auswahl, einschleichende Anwendung und Kontrollen angewiesen. Ein realistisches Ziel ist meist eine deutliche Linderung, seltener völlige Schmerzfreiheit.
Opioide: Nutzen und besondere Vorsicht
Opioide der Stufen 2 und 3 können starke Schmerzen wirksam lindern, vor allem in der Tumor- und Palliativmedizin. Zugleich verlangen sie besondere Sorgfalt. Zu den bekannten Nebenwirkungen zählen Verstopfung, Übelkeit und Benommenheit; bei zu hoher Dosis oder in Kombination mit Alkohol oder Beruhigungsmitteln droht eine Atemdepression – eine gefährlich verlangsamte Atmung.
Bei längerer Anwendung kann sich eine Abhängigkeit entwickeln. Deshalb dürfen Opioide nicht eigenmächtig und nicht abrupt abgesetzt werden, da sonst Entzugsbeschwerden auftreten können. Für chronische Schmerzen, die nicht durch einen Tumor verursacht sind, empfiehlt die deutsche LONTS-Leitlinie einen zurückhaltenden, zeitlich begrenzten und eng überwachten Einsatz.
Plötzliche, sehr starke Schmerzen – etwa Vernichtungsschmerz, Brustschmerz, Schmerzen nach einem Unfall oder Schmerzen mit Lähmung, Fieber oder Gefühlsstörungen – sind ein Notfall. Rufen Sie den Notruf 112 oder suchen Sie sofort ärztliche Hilfe. Ein Schmerzmittel überdeckt in solchen Fällen nur die Warnzeichen.
Sicher mit Schmerzmitteln umgehen
Für alle Wirkstoffgruppen gilt derselbe Grundsatz: Schmerzmittel nie eigenmächtig hoch dosieren oder untereinander kombinieren. Manche Kombinationen verstärken die Risiken für Magen, Niere oder Leber, ohne den Nutzen zu erhöhen. Die Angaben in der Packungsbeilage und die ärztliche Anweisung gehen jeder allgemeinen Empfehlung vor.
- So niedrig und kurz wie möglich: Fachleute raten, die kleinste wirksame Menge nur so lange wie nötig zu nutzen – die Entscheidung darüber trifft die behandelnde Praxis.
- Bestehende Erkrankungen nennen: Herz-, Nieren-, Leber- oder Magenprobleme beeinflussen die Auswahl erheblich.
- Wechselwirkungen prüfen lassen: Wer bereits Medikamente einnimmt, klärt neue Schmerzmittel in Apotheke oder Praxis ab.
- Bei anhaltenden Schmerzen abklären: Länger bestehende Schmerzen brauchen eine ärztliche Diagnose, nicht nur ein Mittel, das sie überdeckt.
Medikamente sind ein starker Baustein der Schmerzbehandlung – am wirksamsten sind sie meist eingebettet in einen Gesamtplan, den eine schmerzmedizinisch erfahrene Praxis begleitet.
Häufige Fragen
Was ist das WHO-Stufenschema?
Das WHO-Stufenschema ist ein von der Weltgesundheitsorganisation entwickelter Leitfaden für die medikamentöse Schmerztherapie. Es ordnet Schmerzmittel drei Stufen zu: Stufe 1 Nicht-Opioide (etwa Paracetamol, NSAR, Metamizol), Stufe 2 schwache Opioide (etwa Tramadol, Tilidin) und Stufe 3 starke Opioide (etwa Morphin, Oxycodon, Fentanyl). Auf jeder Stufe können ergänzend Koanalgetika eingesetzt werden. Welche Stufe geeignet ist, entscheidet ausschließlich die behandelnde Ärztin oder der Arzt.
Welche Schmerzmittel gehören zu Stufe 1?
Zu Stufe 1 zählen die sogenannten Nicht-Opioid-Analgetika. Dazu gehören Paracetamol, nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) wie Ibuprofen oder Diclofenac sowie Metamizol. Sie kommen bei leichten bis mittelstarken Schmerzen zum Einsatz. Auch rezeptfreie Präparate haben Risiken und sollten nicht dauerhaft ohne ärztlichen Rat eingenommen werden.
Was sind Koanalgetika?
Koanalgetika sind Medikamente, die ursprünglich für andere Erkrankungen entwickelt wurden, aber schmerzlindernd wirken können – vor allem bei Nervenschmerzen (neuropathischem Schmerz). Dazu zählen bestimmte Antidepressiva und Antikonvulsiva (Mittel gegen Krampfanfälle). Sie ergänzen laut Leitlinie die klassischen Schmerzmittel und werden ärztlich verordnet und überwacht.
Welche Risiken haben Opioide?
Opioide können wirksam gegen starke Schmerzen sein, bergen aber Risiken: Verstopfung, Übelkeit, Benommenheit und – vor allem bei Überdosierung oder Kombination mit anderen dämpfenden Mitteln – eine gefährliche Atemdepression. Bei längerer Anwendung besteht das Risiko einer Abhängigkeit. Opioide dürfen nicht abrupt abgesetzt werden. Bei chronischen Schmerzen ohne Tumorerkrankung raten Leitlinien zu einem zurückhaltenden Einsatz.
Kann man Schmerzmittel einfach kombinieren?
Nein. Schmerzmittel eigenmächtig zu kombinieren oder höher zu dosieren, kann gefährlich sein. Manche Kombinationen verstärken Nebenwirkungen auf Magen, Niere oder Leber, andere heben die Wirkung nicht sinnvoll auf. Kombinationen und Dosierungen gehören immer in ärztliche Hand.
Ersetzt die medikamentöse Schmerztherapie andere Verfahren?
Nein. Medikamente sind ein Baustein der Schmerzbehandlung. Bei anhaltenden Schmerzen setzen Leitlinien auf eine multimodale Schmerztherapie, die Medikamente mit nicht-medikamentösen Verfahren wie Bewegung, Physiotherapie und psychologischen Ansätzen verbindet.
Quellen & Literatur
- Weltgesundheitsorganisation (WHO). WHO guidelines for the pharmacological and radiotherapeutic management of cancer pain. Grundlage des dreistufigen Stufenschemas.
- Deutsche Schmerzgesellschaft e. V. Informationen zu Schmerztherapie und Analgetika. Abgerufen 2026.
- AWMF. S3-Leitlinie „Langzeitanwendung von Opioiden bei chronischen nicht-tumorbedingten Schmerzen" (LONTS). Empfehlungen zum zurückhaltenden Opioideinsatz.
- IQWiG / gesundheitsinformation.de. Rezeptfreie Schmerzmittel sicher anwenden. Abgerufen 2026.

